Aus der Praxis · Trennung & Scheidung

Wann beginnt das Trennungsjahr wirklich?

Beim Trennungsdatum sind sich Ehepartner erstaunlich oft einig – bis es plötzlich darauf ankommt. Dann heißt es: „Wir waren doch damals noch zusammen.“ Oder: „Getrennt waren wir erst, als ich ausgezogen bin.“ Dabei kann das Trennungsjahr längst vorher begonnen haben.

Nehmen wir einen ziemlich alltäglichen Fall.

Ein Ehepaar lebt seit Jahren in einem gemeinsamen Haus. Irgendwann im Februar sagt die Frau ihrem Mann, dass sie die Ehe nicht mehr fortsetzen möchte.

Sie zieht ins Gästezimmer.

Er bleibt im Schlafzimmer.

Von diesem Zeitpunkt an wirtschaften beide weitgehend für sich. Gemeinsame Unternehmungen gibt es nicht mehr. Im Juli zieht der Mann schließlich in eine eigene Wohnung.

Ein gutes Jahr später soll die Scheidung eingereicht werden.

Und plötzlich sagt einer:

„Moment. Getrennt sind wir doch erst seit Juli. Da bin ich schließlich ausgezogen.“

Genau an dieser Stelle wird aus einer Erinnerung an die vergangenen Monate eine rechtliche Frage.

Denn der Auszug und der Beginn des Trennungsjahres müssen keineswegs dasselbe Datum haben.

Das Trennungsjahr beginnt nicht mit einem Umzugswagen. Entscheidend ist, wann die eheliche Lebensgemeinschaft tatsächlich beendet wurde.

Ein Satz allein reicht allerdings auch nicht

Nun könnte man auf die Idee kommen, es sei ganz einfach.

Man sagt seinem Ehepartner am 15. Februar:

„Ich trenne mich von dir.“

Und ab dem nächsten Morgen läuft automatisch das Trennungsjahr.

Ganz so mechanisch würde ich es nicht betrachten.

Entscheidend ist, dass die häusliche Gemeinschaft nicht mehr besteht und zumindest einer der Ehepartner erkennbar nicht mehr bereit ist, die eheliche Lebensgemeinschaft fortzuführen.

Das Gesetz verlangt dafür keinen bestimmten Satz und kein amtliches Formular.

Aber die Trennung sollte sich eben nicht nur im Kopf eines Ehepartners abgespielt haben.

Der andere muss erkennen können:

Diese Ehe wird von meinem Ehepartner nicht mehr als eheliche Lebensgemeinschaft fortgeführt.

Man kann getrennt sein und trotzdem dieselbe Haustür benutzen

Das ist wahrscheinlich das größte Missverständnis rund um das Trennungsjahr.

Eine Trennung setzt nicht zwingend zwei Wohnungen voraus.

Gerade bei einem gemeinsamen Haus wäre das auch lebensfremd.

Vielleicht läuft noch eine hohe Finanzierung. Vielleicht sind Kinder im Haushalt. Vielleicht findet einer der Ehepartner nicht innerhalb weniger Tage eine geeignete Wohnung.

Oder beide wollen zunächst überhaupt nicht entscheiden, wer das Haus langfristig behalten soll.

Das Gesetz berücksichtigt solche Situationen ausdrücklich: Ehepartner können auch innerhalb der ehelichen Wohnung getrennt leben.

Nur sollte dann auch tatsächlich eine Trennung der Lebensbereiche stattfinden.

In der Praxis spricht man gerne etwas altmodisch von einer Trennung von „Tisch und Bett“.

Gemeint ist damit nicht, dass jeder Teller im Küchenschrank mit einem Namensschild versehen werden muss.

Aber aus einem gemeinsamen ehelichen Haushalt sollten im Wesentlichen zwei getrennte Lebensbereiche werden.

Ein typischer Fall

Gemeinsames Haus – getrenntes Leben

Sie schläft im Schlafzimmer, er im Gästezimmer.

Jeder erledigt grundsätzlich seine eigene Wäsche, kümmert sich um seine persönlichen Dinge und organisiert seinen Alltag selbst.

Es wird nicht mehr gemeinsam gewirtschaftet wie während der Ehe.

Dass beide trotzdem dieselbe Küche benutzen oder wegen der Kinder organisatorische Dinge miteinander abstimmen, macht aus ihnen nicht automatisch wieder ein zusammenlebendes Ehepaar.

Gerade bei Kindern wäre die Vorstellung einer vollständigen Funkstille ohnehin ziemlich unrealistisch.

Eltern müssen weiterhin miteinander sprechen.

Sie müssen vielleicht gemeinsam entscheiden, wer ein Kind zum Sport fährt, wer einen Elternabend besucht oder wie Ferien organisiert werden.

Das widerspricht einer Trennung nicht.

Entscheidend ist nicht, ob sich die Ehepartner noch begegnen.

Entscheidend ist, in welcher Form sie miteinander leben.

Das Trennungsdatum sollte nicht zur Gedächtnisfrage werden

Jetzt kommt der Teil, der in der Praxis unangenehm werden kann.

Am Tag der Trennung wissen beide meistens ziemlich genau, was passiert ist.

Zwölf Monate später kann das erstaunlich anders aussehen.

Nicht unbedingt, weil jemand bewusst die Unwahrheit sagt.

Menschen verbinden mit einer Trennung unterschiedliche Ereignisse.

Für den einen war die Ehe in dem Moment beendet, als ausgesprochen wurde: „Ich will nicht mehr.“

Für den anderen war es der Tag, an dem das Schlafzimmer verlassen wurde.

Und ein Dritter würde vielleicht erst den späteren Auszug als eigentliche Trennung bezeichnen.

Solange niemand über das Datum streitet, ist das alles kein großes Problem.

Wenn davon aber abhängt, ob das Trennungsjahr bereits abgelaufen ist, wird die Sache plötzlich interessant.

Ein Trennungsdatum ist ungefähr so lange nebensächlich, bis zwei Menschen zwölf Monate später zwei verschiedene Daten im Kopf haben.

Ich würde die Trennung deshalb einmal schriftlich festhalten

Dafür braucht es aus meiner Sicht keinen dramatischen Brief.

Kein Einschreiben mit fünf Seiten juristischem Text.

Und schon gar keine Formulierung, die aussieht, als hätte man vorsorglich bereits die nächste Gerichtsverhandlung vorbereitet.

Es geht um etwas viel Einfacheres.

Wenn die Trennung eindeutig ausgesprochen wurde, kann es sinnvoll sein, diesen Zeitpunkt anschließend noch einmal nachvollziehbar schriftlich festzuhalten.

Zum Beispiel in einer Nachricht oder einem kurzen Schreiben.

Sinngemäß:

„Wie wir besprochen haben, leben wir seit dem 15. Februar getrennt. Ich möchte unsere eheliche Lebensgemeinschaft nicht fortsetzen.“

Damit ist nicht jede spätere Diskussion ausgeschlossen.

Aber es existiert zumindest ein zeitnaher Anhaltspunkt dafür, was damals erklärt wurde.

Das halte ich für deutlich angenehmer, als ein Jahr später rekonstruieren zu müssen, wann genau welches Gespräch stattgefunden hat.

Was ist, wenn man es doch noch einmal miteinander versucht?

Auch das kommt vor.

Ein Paar trennt sich.

Nach einigen Monaten fragen sich beide, ob die Entscheidung vielleicht zu schnell gefallen ist.

Man verbringt wieder mehr Zeit miteinander oder versucht für eine gewisse Zeit noch einmal, die Beziehung aufzunehmen.

Dann entsteht sofort die Sorge:

„Jetzt fängt das ganze Trennungsjahr wieder von vorne an.“

Nicht zwangsläufig.

Das Gesetz sieht ausdrücklich vor, dass ein kürzeres Zusammenleben, das der Versöhnung dienen soll, die für die Scheidung maßgeblichen Trennungsfristen nicht unterbricht oder hemmt.

Das finde ich auch sinnvoll.

Sonst müsste man einem getrennten Ehepaar juristisch fast davon abraten, überhaupt noch einmal zu prüfen, ob die Ehe zu retten ist.

Allerdings gibt es natürlich einen Unterschied zwischen einem begrenzten Versöhnungsversuch und einer tatsächlichen Wiederaufnahme der ehelichen Lebensgemeinschaft.

Wo diese Grenze im Einzelfall liegt, kann man nicht seriös anhand einer festen Zahl von Tagen bestimmen.

Deshalb würde ich mir ansehen, was tatsächlich passiert ist.

Warum das eine Jahr überhaupt so wichtig ist

Eine Ehe wird geschieden, wenn sie gescheitert ist.

Das Trennungsjahr ist dabei ein wesentlicher Bestandteil des gesetzlichen Scheidungssystems.

Leben die Ehepartner seit einem Jahr getrennt und beantragen beide die Scheidung oder stimmt der andere Ehepartner dem Scheidungsantrag zu, wird das Scheitern der Ehe gesetzlich vermutet.

Das ist der typische Fall einer einvernehmlichen Scheidung nach Ablauf des Trennungsjahres.

Deshalb ist das Datum eben nicht nur eine Formalität.

Es entscheidet darüber, seit wann die maßgebliche Trennungszeit läuft.

Vor Ablauf eines Jahres ist eine Scheidung grundsätzlich nur unter den besonderen Voraussetzungen einer sogenannten Härtefallscheidung möglich.

Und die ist gerade nicht dafür gedacht, das Trennungsjahr einfach abzukürzen, weil beide möglichst schnell geschieden werden möchten.

Und wann würde ich den Scheidungsantrag vorbereiten?

Auch hier würde ich nicht unnötig mit dem Kalender jonglieren.

Wenn das Trennungsdatum feststeht, kann man rechtzeitig besprechen, welche Unterlagen benötigt werden und welche Fragen vor der Scheidung noch geklärt werden sollten.

Vielleicht gibt es eine gemeinsame Immobilie.

Vielleicht müssen Informationen zum Versorgungsausgleich zusammengestellt werden.

Vielleicht besteht noch Gesprächsbedarf über Unterhalt oder Vermögen.

Diese Dinge verschwinden nicht dadurch, dass man bis zum letzten Tag des Trennungsjahres wartet und sich erst dann Gedanken darüber macht.

Ich würde deshalb das Trennungsjahr nicht als zwölf Monate Stillstand betrachten.

Es ist vielmehr die Zeit, in der man die wirtschaftlichen und persönlichen Folgen einer Trennung vernünftig ordnen kann.

Wenn mich jemand also fragt:

„Wann hat unser Trennungsjahr angefangen?“

würde ich nicht zuerst fragen:

„Wann sind Sie ausgezogen?“

Ich würde wissen wollen, was vorher passiert ist.

Wann wurde die Trennung ausgesprochen? Seit wann wurde nicht mehr als Ehepaar zusammengelebt? Wie waren die Lebensbereiche organisiert? Und war für den anderen Ehepartner erkennbar, dass die eheliche Lebensgemeinschaft beendet werden sollte?

Manchmal lautet die Antwort dann tatsächlich: mit dem Auszug.

Manchmal liegt die Trennung aber Monate davor.

Und genau deshalb sollte man sich das Datum merken – am besten nicht nur im Kopf.

Ute Schniering
Rechtsanwältin und Fachanwältin für Familienrecht in Essen

Sie sind unsicher, seit wann Sie rechtlich getrennt leben?

Gerade wenn beide Ehepartner noch in derselben Wohnung oder im gemeinsamen Haus leben, ist das Trennungsdatum nicht immer offensichtlich. Gerne können wir besprechen, wie Ihre konkrete Situation rechtlich einzuordnen ist und welche nächsten Schritte sinnvoll sind.

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